Wie oft läuft ein Gespräch im Alltag mit Freunden, Familie oder Arbeitskollegen so ab, dass wir einander gar nicht zuhören, sondern das Gesagte des anderen nur als Aufhänger für eine eigene Geschichte nehmen?

„Hi, schön dich hier zu treffen, wie geht’s dir?“
„Hi! Ach, eigentlich ganz gut, aber ich habe heute schon den ganzen Tag totale Kopfschmerzen“
„Ich auch! Ich hatte gestern aber auch ein Glas Wein zu viel, weil ich…“
„Achja, wie lange hatte ich keine Zeit mehr abends einen trinken zu gehen, zur Zeit muss ich immer so lange arbeiten, weil wir dieses Projekt in der Arbeit haben, bei dem wir…“
„Wem sagst du das, gestern war mein einziger freier Tag seit langem, den musste ich mir einfach nehmen und einige Besorgungen machen, ich bin die ganze Zeit unterwegs gewesen und… “
„Ja, nächste Woche fahre ich in den Urlaub und muss vorher noch so viel besorgen…“
„Im Urlaub war ICH ja schon lange nicht mehr!“
….

Gespräche wie diese sind eigentlich vergeudete Zeit. Keiner hört dem Anderen aktiv zu. Jeder Satz des einen ist nur wieder Aufhänger für die eigene Geschichte des Anderen, worauf der andere wieder nicht eingeht, und so weiter. Keiner hat Interesse für den anderen vermittelt und keiner hat auf diese Weise einen Mehrwert.

Zuhören: Was man von Therapeuten lernen kann

Eine Therapieform der Psychotherapie ist die Klientenzentrierte Therapie. Wie der Name sagt, steht dabei der Klient oder die Klientin im Zentrum. Viele Therapeuten sagen, dass es eigentlich viel mehr eine Einstellung ist als eine Gesprächstechnik. Denn im Prinzip geht es einfach darum aktiv zuzuhören, sich zurückzunehmen und sich auf den Klienten einzulassen. Dahinter steckt der Gedanke, dass der Hilfesuchende selbst am besten in der Lage sei, seine persönliche Situation zu beschreiben und zu analysieren. Der Therapeut ist dabei nur die Projektionsfläche, anhand der der Klient Lösungen für seine Probleme erarbeitet.

Wichtig ist dabei, dass der Therapeut oder die Therapeutin der eigenen Ungeduld, Unmut oder auch Langeweile nicht nachgibt. Man darf weder etwas vorwegnehmen, von dem man denkst, dass der Klient oder die Klientin darauf hinaus möchte, noch Handlungsanweisungen geben, oder von anderen Situationen erzählen. Selbst Fragen sind kaum erlaubt. Wenn der Therapeut etwas sagt, gibt er die Aussagen der Klienten in eigenen Worten wieder, um sicher zu gehen ihn richtig verstanden zu haben und bei gewissen Punkten nach zu haken. Zum Beispiel: „Habe ich das richtig verstanden, dass Sie diese Situation wütend macht?“.
Der Klient ist der Experte. Nicht der Therapeut. Und deshalb ist richtiges Zuhören dabei so essentiell.

Warum wir öfter auf diese Weise zuhören sollten

Daraus können wir auch für unseren Alltag etwas lernen.
In der Regel liegen uns die Personen mit denen wir uns unterhalten am Herzen. Oder vielleicht möchten wir etwas von ihnen oder einfach nur gut mit ihnen auskommen. In beiden Fällen ist es wichtig ihnen zuzuhören. Sich selbst zurückzunehmen und Wertschätzung und Interesse zeigen.

Natürlich erwartet man im Alltag von anderen Personen mehr als eine Projektionsfläche für die eigenen Gedanken zu sein. Wir wollen keine Therapeuten, sondern Gesprächspartner.
Bei Gesprächen mit Freunden möchte man auch Ratschläge erteilen und von Erfahrungen berichten. Man möchte auch etwas von sich erzählen.
Und bei geschäftlichen Gesprächen möchten beispielsweise Verkäufer den Kunden durch ihr Expertenwissen etwas verkaufen.
Interessanterweise kann aber gerade in Gesprächen in denen man selbst zumindest denkt man verfügt über mehr (Experten-)Wissen über ein Thema als die andere Person, dieses Wissen einem guten Ausgang des Gesprächs im Wege stehen. Zumindest wenn man sich nicht zunächst bewusst zurückhält und dem Gegenüber zuhört.

Was aber für jedes Gespräch gilt: Man möchte, dass das Gegenüber Aufmerksamkeit und Interesse signalisiert. Darauf kommt es an.

Warum steht für uns nicht öfter mal unser Gegenüber im Zentrum?

Der Harvard-Professor William Ury untersuchte Verhandlungssituationen und wie sich gutes Zuhören auf den Erfolg auswirkt. Wie ihr es euch wahrscheinlich schon denken werden, kommen gute Zuhörer eher und schneller zu einem Verhandlungserfolg. Menschen, die sich beim Diskutieren und Verhandeln eher auf die eigenen Argumente fokussieren, brauchen länger, wenn sie es überhaupt schaffen den anderen zu überzeugen. Man muss also verstehen was der Gegenüber denkt und warum.

Einige haben vielleicht Bedenken, ob sie als guter Zuhörer überhaupt noch zum Zug kommen und letztendlich wirken könnten als hätten sie nur wenig zu sagen. Im Job könnte das negative Auswirkungen haben.

Tatsächlich ist aber in der Regel das Gegenteil der Fall. Wenn durch aktives Zuhören Vertrauen und Sympathien gewonnen werden, sich die Kommunikation insgesamt verbessert – dann finden die eigenen Ideen ebenfalls mehr Gehör. Dadurch werden letztlich gestärkte Beziehungen mit Kollegen, dem Chef oder Kunden aufgebaut.

Es gilt: Echtes, offenes Zuhören ist die Grundvoraussetzung für eine offene und lösungsorientierte Verständigung.

Jeder Mensch möchte gehört und verstanden werden.

Die wichtigsten Tipps für aktives Zuhören:

1. Ablenkungen vermeiden.

Studien zeigten, dass unser Gehirn nur etwa 25% seiner Kapazität benötigt um Anderen zuzuhören. Die übrigen 75% verleiten uns häufig dazu etwas anderes nebenbei zu tun oder zu denken. 
Deswegen: Handy weg. Blick vom Bildschirm oder anderen Personen und Gegenständen abwenden und dem anderen die meiste Zeit in die Augen blicken. Konzentriert euch auf das Gesagte eurer GesprächspartnerInnen und signalisiert Aufmerksamkeit.

2. Körpersprache

Circa 60% der Kommunikation geschieht nonverbal, also über Körpersprache. Um nicht mit den Gedanken abzuschweifen, könnt ihr es als Übung sehen auf die Körpersprache des Anderen zu achten während ihr zuhört. Dadurch erfahrt ihr gleichzeitig mehr über den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin und dem Inhalt des Gesagten wird mehr Tiefe verliehen.

Eure eigene Körpersprache ist ebenfalls sehr wichtig. Dadurch kann dem Gegenüber Desinteresse, Ablehnung, Langeweile, Ungeduld, etc. signalisiert werden, oder aber Interesse, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. 
Schon die Arme zu verschränken, unruhig auf dem Stuhl herum zu rutschen, oder ein schweifender Blick können negative Gefühle auslösen. Am Anfang kommt es einem vielleicht unnatürlich vor auf diese Automatismen zu verzichten, aber mit der Zeit wird es selbstverständlich und ihr werdet den Unterschied bemerken.

3. Fragen stellen und/ oder Zusammenfassen

Damit ihr sicher geht, alles richtig zu verstehen und um an manchen Stellen nachzuhaken, könnt ihr Fragen stellen. Vermeidet dabei von euch zu reden, sondern bleibt beim Thema der anderen Person.

Schätzt ab was der Andere denkt, fühlt oder zwischen den Zeilen sagen möchte und fasst (in passenden Momenten) kurz zusammen was gesagt wurde. Das kann auch als Frage formuliert werden.

4. Rechtfertigungen oder sofort argumentieren vermeiden

Wenn die eigenen Ideen, Ansichten oder Interessen kritisiert werden, kann es selbst denjenigen, die sich bei den oberen Punkten noch dachten „Kein Problem!“, passieren, dass sie schon im Kopf ein Gegenargument formulieren. Ihr werdet vielleicht die Arme verschränken und das Gesagte schon ablehnen, bevor es ganz ausgesprochen wurde. 
Versucht euch hier zurück zu nehmen. Wenn der Gesprächspartner fertig ist, könnt und sollt ihr euch sogar noch einige Sekunden Zeit lassen bevor ihr antwortet. Versucht (auch gedanklich) erst dann zu kontern.