Work-Life-Balance: Was wir über unsere Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben wissen sollten

Wenn ich mich mit berufstätigen Freunden unterhalte und wir darüber reden, ob studieren oder arbeiten schöner ist, dann findet sich auf der Arbeiten-Seite eigentlich immer dieses Argument: Wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, dann ist man fertig. Man hat nichts mehr zu tun für diesen Tag und hat den Kopf frei bis zum nächsten Tag. Das ist entspannend!

Wenn man hingegen studiert, bleibt ständig der Gedanke im Hinterkopf, dass man noch mehr machen könnte. Nochmal die Unterlagen durchgehen, vielleicht schon die nächste Hausarbeit anfangen, oder die Folien für die Vorlesung morgen anschauen… Man hat also nie ganz Feierabend oder kann ganz fertig sein, es geht ja immer noch ein bisschen mehr… Klingt stressig oder?
Das stimmt aber längst nicht mehr nur wenn man noch zur Schule geht oder studiert. Fast alle haben inzwischen Smartphones und sind ständig erreichbar. Wir können unsere geschäftlichen Emails auch abends auf der Couch lesen und bei vielen Berufstätigen ist das inzwischen gang und gebe.

Work-Life-Balance: Es gibt Grenzen

Dass dieses „abends fertig sein“ sich aber für viele so toll anfühlt, zeigt ja, dass die Grenze zwischen Arbeits- und Berufsleben eine wichtige Rolle für unser Wohlbefinden spielt. Und das macht diese Thematik nun unter anderem auch zu einem psychologischen Thema.

Die Art und Weise wie wir mit dieser Grenze umgehen, nennt man in der Literatur Boundary Management. Diese Grenze ist bei jedem unterschiedlich durchlässig und flexibel.
Unter Durchlässigkeit versteht man in diesem Fall, was und wie viel wir von einem Bereich in den anderen hereinlassen. Werden unsere Kollegen zum Beispiel zu Freunden, nehmen wir unsere Stimmung von zu Hause mit in die Arbeit und umgekehrt?

Außerdem können Grenzen unterschiedlich flexibel darin sein wann und wo welcher Lebensbereich stattfindet. Kann ich also auch einmal während der Arbeitszeit einen Zahnarzttermin ausmachen oder mein Kind zu einem Geburtstag fahren und die Arbeit dafür am Wochenende von zu Hause aus nachholen?

Personen, deren Grenzen eher durchlässig und flexibel sind, nennt man Integrator und Personen mit undurchlässigen und starreren Grenzen werden in der Literatur Segmenter genannt.

Tele-Arbeit?

Mithilfe moderner Technologien von zu Hause aus oder sogar von einem anderen Land aus zu arbeiten, ermöglicht viele neue Arbeitsmodelle. Diese bietet viele Chancen, zum Beispiel können so berufstätige Eltern Arbeit und Kind einfacher unter einen Hut bringen. Zwei Berufe können einfacher miteinander koordiniert werden und der oft lange Weg ins Büro entfällt.

Viele Studien bestätigen, dass durch Telearbeit und durch die damit erhöhte Autonomie, die Arbeitszufriedenheit und damit die Arbeitsleistungen verbessert werden kann.

Diese Möglichkeiten setzen auf der anderen Seite aber einige Berufstätige auch unter Druck.

Viele nehmen an, dass es negative Auswirkungen haben könnte, wenn sie flexible Arbeitsangebote nutzen. Sie befürchten, dem Vorgesetzten mangelndes Pflichtbewusstsein zu signalisieren, wenn sie sich für einen Heimarbeitsplatz bewerben oder für ein paar Tage von woanders aus arbeiten würden.

Besonders wenn dieser Wunsch durch mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf begründet ist, wird er häufig gleichzeitig als eine Absage an die Karriere aufgefasst und so werden attraktive Projekte, Weiterbildungen und Karrierechancen häufiger jenen angeboten, die für ihre Chefs sichtbar im Büro sitzen.

Wirklich Feierabend?

Umgekehrt ist es oft der Fall, dass Mitarbeiter sich nicht trauen, nach Feierabend eintreffende E-Mails einfach zu ignorieren und sich verpflichtet fühlen diese auch nach Feierabend oder im Urlaub zu beantworten.
So ist es häufig so, dass die empfundene Kontrolle darüber wann man arbeitet gering ist, ohne dass dies durch offizielle Vorgaben der Unternehmenspolitik geregelt wird.

In einer Studie in der Google seine Mitarbeiter befragte, waren über zwei Drittel der Befragen „Integrators“, also Personen, die Arbeits- und Berufsleben verschmelzen lassen. Die Hälfte davon wiederum würde das aber eigentlich lieber mehr trennen und diese Bereiche nicht so sehr miteinander verbinden.

Der Großteil der Studien zum Thema Integration und Arbeitszufriedenheit besagt eigentlich, dass Personen, die eher „Integrators“ sind, auch zufriedener mit ihrer Arbeit sind. Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben sind seltener und auch Burnout kommt weniger häufig vor.

Da diese Studien aber nur Forschungsergebnisse bis zum Jahre 2007 einschließen, wurde zum Beispiel noch nicht die ständige Erreichbarkeit von Angestellten in dem Ausmaß miteinbezogen, das heute unter anderem durch Smartphones und Social Media möglich und in der Regel alltäglich ist. Man muss Forschung auf diesem Gebiet deshalb immer in Bezug gesetzt werden zu sich verändernden Referenzpunkten.

Google reagierte bereits auf das Problem der ständigen Erreichbarkeit. Das Google Büro in Dublin hat zum Beispiel ein Programm getestet, dass sie „Dublin goes dark“ genannt haben. Alle Geräte sollten im Zuge dessen abends nach der Arbeit am Empfang abgegeben werden. Das Ergebnis war, dass die Google-Mitarbeiter von entspannten und stressfreien Abenden berichteten. Ob dieses Programm allerdings fortgeführt wird und in anderen Büros übernommen wird ist noch nicht bekannt.

Heißt das jetzt, dass Segmentation gut oder „gesund“ ist und Integration nicht?

Nein. Jeder hat seine persönliche Präferenz. Das zeigt schon die Tatsache, dass manche sich wünschen zu Hause nicht mehr an die Arbeit zu denken und andere am liebsten komplett von zu Hause aus arbeiten möchten. Für manche ist es sehr wichtig, dass beide Seiten gut zusammenpassen und man sie integrieren kann und andere haben eben gerne striktere Grenzen. Die einen möchten vielleicht ein Unternehmen gründen und sind bereit dazu auch auch bei ihrem Privatleben zurückzustecken und eben E-Mails auch im Urlaub zu bearbeiten, andere bevorzugen geregeltere Arbeitszeiten oder möchten privat nichts mit ihren Kollegen zu tun haben.

Unsere Präferenz bewegt sich dabei auf einem Kontinuum und jeder ist irgendwo zwischen beiden Polen. Keine der beiden Möglichkeiten ist per se schlechter und eine jeweilige Leistungssteigerung ist auch nur dann möglich, wenn das Arbeitsmodell auch zur Präferenz passt.

Lasst uns das selbst entscheiden!

Was also zu mehr Arbeitszufriedenheit führt ist nicht entweder das eine oder andere Arbeitsmodell, sondern die Kontrolle über Segmentation und Integration dieser Bereiche.

In psychologischen Studen konnte gezeigt werden: Wenn wir unseren Präferenzen entsprechend entscheiden können wie wir arbeiten möchten und ob wir unsere geschäftlichen Emails auf das Smartphone bekommen möchten oder eben nicht, steigert das letztendlich unser Wohlbefinden. Die Autonomie bei dieser Entscheidung, hängt also mit einer höheren Arbeitszufriedenheit zusammen – und damit letztendlich auch mit einer gesteigerten Leistung der Mitarbeiter.

In meinem Studium habe ich das Glück mir meine Zeit fast völlig frei einteilen zu können, weil nur bei einigen wenigen Seminaren Anwesenheitspflicht herrscht. Auch bei meinem Nebenjob und meinem Praktikum hatte ich bis jetzt das Glück sehr modern denkende und flexible Arbeitgeber zu haben. Einmal in einer Firma zu arbeiten, die auf die Minute festgelegte Arbeitszeiten oder sogar Pausen vorschreibt, kann ich mir kaum vorstellen.

Meine Generation sieht das sehr oft genauso und deswegen ändert sich auch schon eine Menge in diese Richtung. Liebe Arbeitgeber: Wenn ihr es uns ermöglicht, unsere Arbeitsstunden frei einzuteilen, fühlen wir uns wohler, glücklicher und arbeiten besser. Win-win!

Was denkt ihr dazu? Würdet ihr sagen die Arbeitswelt verändert sich dahingehend? Lasst mir einen Kommentar dazu da! 🙂

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4 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Weiter gedacht bedeutet dies doch, dass Selbstbestimmung ein wesentlicher Faktor für Arbeitszufriedenheit und Motivation ist. Aus der Salutogeneseforschung wissen wir seit über 40 Jahren, dass Gestaltungs- und Entscheidungspielräume auch die Gesundheit fördern. Vielleicht sollten wir die Kompetenz fördern, dass jeder selbstbestimmt gedtaltet und entscheidet, und dass das in Unternehmen als positiver Faktor gesehen wird. Denn Burnout entsteht nicht durch viel Arbeit, sondern dadurch, dass man Ja sagt, wenn man Nein meint.

  2. Hallo Nina,

    ich finde deinen Artikel sehr interessant und die verschiedenen Aspekte zeigen, dass wir als Arbeitnehmer eben nicht alle über einen Kamm geschert werden können.
    Damit jeder sein passendes Arbeitsplatzmodell findet, gehört viel Bewusstheit und Selbstreflektion dazu. Selbst wenn ich auf eigenen Wunsch das Modell Home Office wähle, heißt es nicht automatisch, dass ich deshalb meinen Bedürfnissen nach Entspannung, Erholung und Abschalten leicht nachkommen kann.

    Je nachdem wie ich gestrickt bin, rufen die inneren Antreiber, meldet das schlechte Gewissen, das riesengroße Pflichtgefühl nach Perfektionismus oder die vermeintliche Erwartung des Chefs einer 24 Stunden Erreichbarkeit, nach noch mehr Einsatz.

    Ich glaube, der Weg ist einmal die freie Entscheidung, wie ich meinen Arbeitsplatz zeitlich gestalten möchte und das bewusste Wahrnehmen, wie es mir WIRKLICH dabei geht und was ich brauche, um meine Freizeit ohne Gedankenkarussell genießen zu können. Dann kann ich volle Leistung bringen und habe den besten Schutz vor Burnout Symptomen.

    Viele Grüße
    Monika Schießler

  3. Alexander Weinreuter

    „Liebe Arbeitgeber: Wenn ihr es uns ermöglicht, unsere Arbeitsstunden frei einzuteilen, fühlen wir uns wohler, glücklicher und arbeiten besser. Win-win!“
    Ja Nina, so wäre es für den Einzelnen ideal. Aber mir scheint es ist leider immer noch wie bei Radio Eriwan (https://de.wikipedia.org/wiki/Radio_Jerewan). Im Prinzip ja, aber…
    … die Arbeitswelt besteht nicht nur aus Einzelkämpfern, sondern (auch für Gstudierde und Kreativlinge) z. B. auch aus dem Zusammen-Arbeiten und/oder aus Arbeitsschritten verschiedener „Arbeiter“ die aufeinander aufbauen; dann wird also schon komplexer was die freie Einteilung angeht. Um´s (typischerweise) so richtig zu übertreiben:
    Ist es möglich, dass Professor Alwissowitz seine Arbeitsstunden frei einteilt? Im Prinzip ja, aber nur wenn er ein Forschungsfreisemester hat. Ansonsten ist er aus verschiedensten Gründen dem Zwang unterworfen seinen Studenten feste Vorlesungs- oder Seminarzeiten anzubieten. Sonst besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er seinem Aufgabenteil als akademischer Lehrer nicht nachkommen kann und wegen der mangelnden Flexiblität seiner potentiellen Studenten auf seinem Wissen sitzen bleibt.
    Aber wahrscheinlich meinst Du eh, dass Arbeitgeber erlauben sollten innerhalb der Grenzen die das Betriebs- oder Abteilungsziel, also die jeweils zu erfüllende Aufgabe, vorgibt, seine Arbeitsstunden frei einzuteilen, oder?
    Für die große Mehrheit der Beschäftigten sind aber den Aufgaben Grenzen immanent, die die Möglichkeit zur freien Zeiteinteilung von vorne herein begrenzen.
    Also: Augen auf bei der Berufswahl. (Nicht alle Kunden haben so wenig Einsicht in ihre Bedürfnisse wie die bayerische Staatsregierung – https://www.youtube.com/watch?v=FW6P_crgp8M )

    Al-Wei
    P.S. super Idee mit dem Blog!

    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar! 🙂
      Natürlich ist mir bewusst, dass die eigene Flexibilität nicht nur von der Laune der Führungskraft abhängig ist, sondern auch von den Rahmenbedingungen des Berufs an sich. Ein Angestellter im Supermarkt kann keine Tele-Arbeit beantragen, ich weiß 😉
      Meine Aussagen beziehen sich nur auf Bereiche in denen es theoretisch möglich wäre flexibel zu arbeiten. Dass man sich dabei in der Praxis auch an Kollegen, Kunden oder Geschäftszeiten anpassen muss, ist wahr.

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