Was uns ein gutes Gefühl bei der Arbeit gibt

Man könnte meinen, wir tun die meisten Dinge nur, weil wir davon einen Vorteil haben oder eine Art von Entlohnung bekommen. Mit Entlohnung meine ich zum Beispiel Freude während der Aktivität, das Stärken von sozialen Kontakten oder im Arbeitskontext natürlich auch Geld.
Trotzdem scheinen Menschen immer wieder Dinge zu tun, die nicht in dieses Muster passen und ihnen auf den ersten Blick nichts davon versprechen.

Freiwillige Schinderei

Stellt euch vor ihr möchtet das erste Mal einen Marathon laufen. Wenn man nicht regelmäßig läuft, oder selbst dann, hat man ein paar anstrengende Wochen vor sich, in denen man viel investiert, zum Beispiel seinen Feierabend oder Schlaf opfert und dann auch noch mit Muskelkater zu kämpfen hat.
Und wenn man dann soweit ist, antritt und die knapp 42,2 km läuft, hat man auch noch Schmerzen, spätestens in den letzten Kilometern, und muss sich dazu zwingen bis zum Ende durchzuhalten.
Was passiert, wenn man es endlich geschafft hat und den Fuß über die Ziellinie gesetzt hat? Steht man dann da und denkt sich „Das ganze war ein Fehler, mir tut alles weh, so etwas mache ich nie wieder“?
Nein! Man fühlt sich gut und nachdem man sich erholt hat, wird man wahrscheinlich genau das gleiche wieder machen.

Warum tut man sich das an?

Wenn man sich Marathonläufer in den letzten Kilometern ansieht, dann wird man die wenigsten lächeln sehen. Die Meisten sehen so aus, als ob sie gerade etwas machen, dass ihnen nicht im Geringsten gefällt.
Dennoch: Wenn man die Läufer anschließend im Ziel befragt, wie sie sich fühlen und ob sie Spaß hatten, werden sie das sehr wahrscheinlich bestätigen.
Der Einwand, dass die Sportler währenddessen möglicherweise Spaß hatten, das durch die hohe Konzentration jedoch für Außenstehende nicht sichtbar war, ist natürlich berechtigt.
Aber angenommen es würde jemand gefragt, der gezwungen war einen halben Kilometer vor dem Ziel aufzugeben. Wird die Person von einer positiven Erfahrung sprechen? Wahrscheinlich eher nicht.

Man könnte also annehmen, dass das Laufen über die Ziellinie der sinngebende Part ist. Dass der sichtbare Erfolg, der am Ende erlangt wird, die Motivation liefert über unangenehme Erlebnisse hinweg zu sehen und alles zu tun, um das Ziel zu erreichen. Und daher ist das der ausschlaggebende Punkt, der das Erlebnis im Nachhinein zu einem positiven macht.

Die ganze Arbeit landet eh im Schredder

In einem Versuch des Verhaltensforschers Dan Ariely wurden drei Gruppen von Personen gebeten auf einem Blatt Papier mit zufällig angeordneten Buchstaben alle Buchstabenpaare zu markieren. Sie bekamen dafür eine gewisse Entlohnung und sollten das Blatt Papier anschließend bei dem Versuchsleiter abgeben. Wenn die Probanden dies taten, wurde ihnen angeboten noch ein Blatt Papier zu bearbeiten, dieses Mal für etwas weniger Geld. Das wurde immer weiter wiederholt, bis die Person ablehnte für den geringeren Betrag erneut ein Blatt zu bearbeiten.

Die drei Gruppen unterschieden sich in der Reaktion der Versuchsleiter. Dieser nahm in der ersten Bedingung das bearbeitete Blatt Papier der Person an, sah es sich an, sagte „Aha“ und legte es beiseite. Die Blätter der zweiten Gruppe wurden ohne Betrachtung und Kommentar beiseite gelegt und die der dritten wanderten ohne, dass ein Blick darauf geworfen wurde vor den Augen der Probanden in einen Schredder.

Welche Gruppe bearbeitete wohl die wenigsten Blätter?

Die dritte Gruppe hatte es eigentlich am Einfachsten. In dieser Gruppe war im Vergleich die geringste Anstrengung notwendig, um Geld zu verdienen. Spätestens beim zweiten oder dritten Bearbeiten des Papiers konnten die Personen davon ausgehen, dass der Versuchsleiter nicht die Richtigkeit der markierten Buchstaben kontrollieren wird. Dadurch hätte einfach irgendetwas angekreuzt werden, so in kürzerer Zeit mehr Blätter bearbeitet und damit insgesamt schneller mehr Geld verdient werden können.

Trotzdem hat diese Gruppe im Durchschnitt am wenigsten Papiere bearbeitet.

Interessanterweise bewirkte die neutrale, nicht bewertende Reaktion des Versuchsleiters kaum einen Unterschied in der Leistung der zweiten Gruppe. Diese Personen bearbeiteten zwar durchschnittlich ein wenig mehr, aber trotzdem nur ca. halb so viele Blätter wie die erste Gruppe, deren Ergebnis kurz betrachtet wurde.

Dieses Ergebnis erscheint intuitiv dennoch nicht verwunderlich. Von den meisten Personen wird das sofortige Schreddern des Papiers als Zeichen geringer Wertschätzung wahrgenommen, was logischerweise eher dazu führt, dass die Probanden weniger Leistungen für den Versuchsleiter erbringen.

Bemerkenswert hingegen ist das Ergebnis der zweiten Gruppe: Zwischen der Anzahl der ausgefüllten Blätter dieser und der ersten Gruppe herrscht immer noch ein sehr großer Unterschied. Allein das Ausbleiben eines neutralen Kommentars, wie „Aha“ und stattdessen das ungesehene Weglegen des Papiers, bewirkte, dass die zweite Gruppe deutlich weniger Bögen bearbeitete.

Lieber sinnvoll arbeiten als reich werden!

Wenn also kein Ergebnis der erbrachten Arbeit oder Anstrengung sichtbar ist, dann wirkt das stark demotivierend für zukünftige Aufgaben und bewirkt eine nachträgliche Einstufung der Tätigkeit als eher negativ.
Das zeigt, dass es wichtig ist ein Ziel zu erreichen oder eine Art Wirkung der eigenen erbrachten Arbeit zu sehen. Dadurch wird einer Tätigkeit Sinn verliehen, es macht den Prozess damit zu einem positiven Erlebnis und motiviert weiterhin freiwillig Leistung zu erbringen. Und zwar deutlich besser als Geld.

Diese Erkenntnis sollte Arbeitgebern, Trainern, Coaches, Professoren, Lehrern und auch Eltern zu denken geben. Feedback ist für zukünftige Leistungen in seiner Bedeutung keineswegs zu verachten. Und wenn schon eine neutrale Kenntnisnahme der Leistung im dem Versuch einen Effekt hatte, die Leistung sogar fast verdoppelte, und zwar obwohl die erbrachte Leistung wenig persönliche Bedeutung für die Probanden hatte, dann zeigt dies doch eines:

Nicht geschimpft ist eben keineswegs genug gelobt.

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  1. Hi Nina,
    in vielen Dingen hast Du sicherlich Recht.
    Defacto habe ich kein Psychologie-Studium, aber gefühlt den Vorteil, dass ich 30 Jahre älter bin.
    Die Features ‚Videos‘ und ‚Blogs‘ gab es damals nicht. Die sie heute nutzen, wiederholen subjektiv immer die selben theoretischen Ansätze.
    Es gibt sehr wenige, die diese Thematik aus eigener, wiederholter Erfahrung reflektieren können.
    Im Prinzip bin ich mit dem Ansatz ‚positive persönliche Motivation‘ in der Großindustrie wiederholt gescheitert, und treibe mich seit 20 Jahren im Mittelstand herum.
    Dort lässt sich dieser Ansatz viel eher effektiv umsetzen.
    Aber spätestens wenn diese Mittelständler übernommen wurden, wurde grundsätzlich auch dieser ‚alternative‘ Ansatz torpediert. Als Folge wunderten sich die neuen Chefs, warum das Business – ein scheinbar bisher perfekt funktionierendes Perpetuum Mobile – so plötzlich zu Straucheln beginnt oder gar zum Stehen kommt.
    Naja – viel Glück!
    Dass ich hier reingestolpert bin, ist eher ein Zufall gewesen.
    Eigentlich nehme ich mir nicht die Zeit für solche Plattformen.
    Gruß,
    Hans

    • Natürlich kann ich über diese Themen nur eingeschränkt aus persönlicher Erfahrung heraus schreiben. Das werde ich dann in ein paar Jahren machen.
      Daher danke für diesen Einblick und schön, dass Sie herein gestolpert sind!
      Liebe Grüße

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