Was haben Giacomo Casanova und Immanuel Kant gemeinsam?

Beide vertraten die Meinung, dass Gefühl und Verstand nicht zusammenpassen.

Casanova soll einmal gesagt haben: „Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin“. Und Kant schrieb: „Über sich selbst Herr zu sein heißt seine Affekte zu zähmen und seine Leidenschaft zu beherrschen“.

Wenn es also nach diesen Herren geht, dann steht unsere Vernunft einer emotionalen Handlung im Wege. Umgekehrt hindern Emotionen wie Angst, Wut oder Trauer uns daran mit klarem Verstand zu handeln.

Moderne Ergebnisse der Emotionsforschung legen jedoch nahe, dass sie sich irrten und Emotionen und Verstand in Wahrheit ein eingespieltes Team sind.

Das menschliche Verhalten wird sowohl von Verstand und Emotionen angetrieben, die allerdings nicht als gegensätzliche Antriebskräfte fungieren, sondern stattdessen eng miteinander verknüpft sind. Das limbische System, das neurologisch die Gefühle darstellt, und der Neocortex, dem der Verstand zuzuordnen ist, stehen in einer hochkomplexen Beziehung zueinander, die nicht klar auseinander zu dividieren ist. Viele Emotionen funktionieren nur durch ein Zusammenspiel beider Hirnareale, wie zum Beispiel Mutterliebe oder Gefühle über Gefühle.

Emotionen in der Wirtschaft?

1990 entwickelten Persönlichkeitspsychologen John Mayer und Peter Salovey das Konstrukt der Emotionalen Intelligenz, das die Kompetenz im Umgang mit Emotionen beschreibt. 1995 stellte Daniel Goleman in seinem Buch „Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ“, das Konzept des EQs der breiten Öffentlichkeit vor und betonte welch wichtige Rolle diese Kompetenz bei dem Erreichen beruflicher oder persönlicher Ziele spielt.

Die Definition für Emotionale Intelligenz nach Mayer und Salovey umfasst fünf Unterpunkte, die teilweise auf einander aufbauen:

1. Emotionale Selbstwahrnehmung

Die möglichst akkurate Wahrnehmung der eigenen Gefühle, sowie ebenfalls die Wahrnehmung von Gedanken und Urteilen über das Gefühl, stellt die Voraussetzung dafür dar auf diese Einfluss zu nehmen. Die Wahrnehmung der eigenen Emotionen ist maßgeblich für das Verstehen des eigenen Verhaltens und der eigenen Antriebe. Werden Emotionen hingegen verleugnet oder vermieden, kann nicht aktiv darauf Einfluss genommen werden.

2. Emotionale Selbstregulation

Unter der Regulation von Emotionen versteht man Prozesse, mit denen Individuen ihre affektiven Zustände in eine Richtung beeinflussen. Bewusst oder unbewusst versuchen Personen ihre Emotionen in der Intensität oder Dauer zu manipulieren, zum Beispiel um eine negative Stimmung zu vermeiden oder um sozialen Normen zu entsprechen. Bewusst Emotionen wie Wut oder Ärger zu kontrollieren ist im Beruf zum Teil sehr wichtig, um Konflikte zu vermeiden oder diese nicht unnötig eskalieren zu lassen. Die unbewusste Regulation unserer Emotionen, vor allem der „negativen“, findet bereits im Kleinkindalter statt. Schon mit 3 Jahren können Kinder ihre Gefühle verbergen oder vortäuschen.

3. Fähigkeit zu Selbstmotivation und Belohnungsaufschub

Sich selbst intrinsisch, also von innen heraus und nicht von Belohnung abhängig motivieren zu können, gehört zur Kompetenz im Umgang der eigenen Emotionen. Zur Fähigkeit der Selbstmotivation zählt unter anderem auch Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserwartung. Eine Person, die eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung hat, ist davon überzeugt den Ausgang einer Situation gezielt selbst beeinflussen zu können, statt andere Umstände oder Personen als Ursache anzusehen. Als Gegensatz zur Selbstmotivation spielt auch die Selbstkontrolle oder der Belohnungsaufschub eine Rolle. Impulskontrolle setzt voraus, dass man die eigenen Emotionen wahrnimmt und reguliert.

Beide Gegensätze stellen eine begrenzte Ressource dar, die allerdings durch Training zu vergrößern ist.

4. Empathie

Zu Empathie gehört einerseits das Erkennen und Verstehen der Emotionen anderer Personen und andererseits die angemessene Reaktion auf diese, wie zum Beispiel Mitleid oder ein Hilfsimpuls. Grundlage hierfür ist wiederum die emotionale Selbstwahrnehmung, denn je spezifischer man in der Lage ist die eigenen Emotionen wahrzunehmen und zu deuten, desto besser gelingt die Wahrnehmung auch bei anderen Personen. Empathische Personen sind daher auch besser dazu in der Lage sich selbst und andere zu motivieren.

5. Soziale Kompetenz

Soziale Kompetenz beinhaltet zahlreiche Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zur sozialen Interaktion dienlich oder erforderlich sind. Als Voraussetzung dafür gilt eine gewisse Selbstkontrolle, sowie Empathie und Motivationsfähigkeit, wie zum Beispiel bei den Kompetenzen „Kritikfähigkeit“ oder „Teamgeist“.

 

Erfolgreiches Stressmanagement durch den Umgang mit Emotionen

Der Umgang mit den eigenen Gefühlen gilt auch als wichtiger Faktor eines erfolgreichen Stress-Managements. In meinem letzten Artikel ging es um den richtigen Umgang mit den persönlichen Grenzen verschiedener Lebensbereiche: Das Prinzip der Work-Life-Balance. Das Geheimnis für einen erfolgreichen Umgang mit den Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben ist das den persönlichen Präferenzen entsprechende Handeln – wenn die Umwelt das erlaubt.

Bevor wir jedoch genau wissen was unsere Präferenzen sind, müssen wir uns erstens über unsere Emotionen im Klaren sein und diese zweitens auf eine für uns angenehme Art und Weise regulieren.

Wenn sich in einer Situation der Gefühlszustand, der von uns erwartet wird mit unserem tatsächlichen deckt, tritt emotionale Harmonie ein. Emotionsarbeit wird erforderlich, wenn das nicht der Fall ist, also eine sogenannte emotionale Dissonanz entsteht.

Als einfaches Beispiel möchte ich eine alltägliche Situation anführen, die beschreibt wie emotional intelligentes Verhalten das eigene Wohlbefinden steigern kann, indem emotionale Dissonanz vermieden wird:

Man steht im Supermarkt in einer langen Schlange an der Kasse und hat es eilig. Man wartet und wartet und überlegt ärgerlich warum nicht noch eine Kasse eröffnet wird. Schließlich ist man schon an zweiter Stelle in der Reihe, vor einem steht nur noch eine ältere Dame. Diese packt zuerst mit größter Sorgfalt alle Einkäufe in ihre Tasche, wendet sich dann langsam dem Kassier zu und fängt an den zu zahlenden Betrag in sehr kleinen Münzen herauszuholen. Dabei fallen ihr auch noch ein paar davon herunter und natürlich hilft man ihr und hebt diese für sie auf. Sie bedankt sich freundlich „Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, vielen Dank“ und man selbst sagt „Ich bitte Sie, das ist doch selbstverständlich“.

In einer solchen Situation sind die meisten Personen eher angespannt oder sogar wütend. Um dennoch auf die ältere Dame höflich und damit der sozialen Norm entsprechend regieren zu können, können zum Beispiel diese zwei Techniken angewendet werden:

Surface-Acting“ bedeutet in diesem Fall die Freundlichkeit und das Mitgefühl der Dame gegenüber vorzuspielen und eigentlich dennoch innerlich Wut und Ungeduld zu empfinden. Da man die tatsächliche Gefühlswelt aber nicht zeigen kann oder möchte, wird eine sozial akzeptable Reaktion nur vorgespielt. Es herrscht weiterhin emotionale Dissonanz vor.

Deep-Acting“ ist eine Form der Emotionsarbeit, bei der ein echtes Gefühl hervorgerufen wird, zum Beispiel durch eine Neubewertung der Situation. Wenn man versucht sich vor Augen zu führen, dass diese Situation der Dame sicher unangenehm ist, sie einfach nicht in der Lage ist schneller zu sein und sie mit Sicherheit über die Hilfe sehr dankbar ist, dann wird die eigene Ungeduld mit Hilfe von Empathie durch eine ehrliche mitfühlende Emotion ersetzt. Man empfindet die Emotionen, die in dieser Situation erwartet werden wahrhaftig.

Dieses Beispiel ist bewusst sehr einfach gewählt und Situationen wie diese haben im Normalfall keine weitreichenden Folgen für unseren beruflichen Erfolg. Man kann sich aber vorstellen, dass Situationen aus der Arbeitswelt dementsprechend komplexer sind und weitreichendere Folgen haben.

 

Im beruflichen Kontext trägt Emotionale Dissonanz viel stärker zu Burnout und psychosomatischen Krankheiten bei als beispielsweise Zeitdruck oder lange Arbeitszeiten und zieht in den meisten Fällen zumindest eine negative Einstellung zur Arbeit nach sich.

Im Umgang mit Kunden kann beispielsweise durch falsche Freundlichkeit und die damit verbundene Selbstverleugnung sogar ein Gefühl des Versagens und der Minderwertigkeit entstehen.

Sich mit der eigenen emotionalen Intelligenz näher zu beschäftigen und daran zu arbeiten ist daher sinnvoll. Nicht nur für mehr persönliches Wohlbefinden, sondern auch für den beruflichen und zwischenmenschlichen Erfolg.