Was ist die Psychologie, was kann sie wirklich untersuchen, wo gehört sie überhaupt hin? Zu den Natur-, Geistes-, oder Sozialwissenschaften? Und was hat sie eigentlich in der Wirtschaft verloren?

Psychologische Forschung im Labor

Wie kann man denn eigentlich psychologisch in einem Labor forschen? Kann von Erkenntnissen, die im Labor auf den menschlichen Geist zutreffen, überhaupt darauf geschlossen werden, wie wir uns in unserem normalen Leben verhalten?

Ich finde das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Viele berühmte wissenschaftliche Erkenntnisse sind durch Forschung im Labor entstanden und haben sich danach auch außerhalb in der „echten Welt“ bewährt.

Gute Beispiele dazu liefern einige Verhaltensforscher. Sie erforschen das menschliche Verhalten, beschäftigen sich damit wie wir denken und welche Entscheidungen wir treffen. Die Grundlage dieser Forschung, sind oft durch Zufall beobachtete auffällige Verhaltensweisen. Diese werden dann im Labor mit vielen Probanden unter kontrollierten Bedingungen wiederholt. Einige dieser Ergebnisse können wir dann einerseits in unserem Alltag beobachten, aber auch in der Wirtschaft nutzen.

Fragwürdige Methoden

Vor allem quantitative Forschungsmodelle, also Modelle mit statisch festgelegtem Forschungsprozess, die mit Fragebögen oder Experimenten Daten erheben und in der Regel viele Probanden haben, wenden manchmal „fragwürdige Methoden“ an.

In einem Seminar der Sozialpsychologie haben wir im Studium diese Methoden als einen Teil des normalen Forschungsprozesses erklärt bekommen. Das sind Methoden, die zwar nicht verboten sind, deren Verwendung aber dennoch in der Regel nicht offen zugegeben wird. Häufig wird nur dadurch ein signifikantes Ergebnis erzielt.

Signifikant bedeutet meistens eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5%, das heißt also, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Zusammenhang besteht, bei 95% liegt. Das ist aber eigentlich eine mehr oder weniger willkürlich festgelegt Grenze. Wenn mit 94%iger Wahrscheinlichkeit ein Zusammenhang besteht, dann ist die Forschung plötzlich nicht mehr erwähnenswert?

Und so kommt es nicht selten vor, dass Forscher, die nach jahrelanger Arbeit kein signifikantes Ergebnis hatten, deshalb im Nachhinein einfach die Fragestellung zu den Datensätzen verändern. Oder, dass einzelne Probanden, die nicht zur Hypothese passen, als „Ausnahmen“ gestrichen werden – unter Umständen so lange, bis das Ergebnis passt.

Ist das denn wirklich notwendig? Kann man nicht auch Forschungsergebnisse veröffentlichen, die nicht signifikant sind, aber dafür anders zu begründen ist, warum die Hypothese Sinn macht?
Aber, wenn es nicht signifikant wird, ist es ja keine Wissenschaft! Oder?

Unterscheiden wo das funktioniert und wo nicht!

Die Tatsache, dass aber wie in oben genanntem Artikel erwähnt, mehr als die Hälfte aller psychologischen Experimente jedoch nicht replizierbar, also mit gleichem Ergebnis wiederholbar sind, spricht dafür, dass die psychologische Forschung manchmal etwas zu weit geht. Einiges kann eben nicht unter kontrollierten Bedingungen zu den gleichen Ergebnissen führen, wie im realen Leben.

Vielleicht kann die Psychologie ja auch akzeptieren, dass man manche Eigenschaften des menschlichen Erlebens und Verhaltens einfach nicht in statistischen Zahlen festhalten und mit einem Signifikanzniveau vorhersagen kann. Vielleicht sollten andere, weniger auf Zahlen und statistische Werte festgelegte Forschungsmethoden, an dieser Stelle einspringen und diese Eigenschaften von einem anderen Blickwinkel aus untersuchen.

Das wird in vielen Fällen schon gemacht. Eine Gegenbewegung dazu ist die kritische Psychologie. Kritische Psychologen forschen nach dem Grundsatz, dass Menschen nicht im Durchschnitt existieren, sondern als Individuen und mit ihrem Umfeld zusammen betrachten werden müssen. Dazu wird auf qualitative Forschungsmethoden gesetzt, auf Intersubjektivität, statt Objektivität – also im Prinzip auf den gesunden Menschenverstand mehrerer Forscher. Und so kann vor allem das Erleben und Empfinden von Personen wesentlich umfangreicher untersucht werden.

Ich persönlich möchte mich zukünftig auch von einer rein quantitativen Forschungsweise fernhalten, obwohl das häufig bei wirtschaftlichen Studien in der Psychologie der Fall ist. Nicht nur, weil ich finde, dass es viel spannender ist mit Menschen zu arbeiten, statt mit Zahlen. Auch deshalb, weil ich mich in dem Moment, in dem ich meinen Fragebogen der Bachelorarbeit ausgewertet habe, gefragt habe, was ich da eigentlich genau tue.

Im Zuge dessen habe ich versucht eine menschliche Emotion – festgehalten durch ein Kreuzchen bei „trifft ein bisschen zu“, „trifft zu“ oder „trifft sehr zu“ – in einer Zahl mit zwei Stellen nach dem Komma auszudrücken. Um den Fragebogen durchzuarbeiten, brauchten die Probanden ungefähr 45 bis 60 Minuten. Eigentlich kann niemand erwarten, dass ein Proband am Ende noch bei jeder Frage genau nachdenkt und genau unterscheidet zwischen „trifft zu“ und „trifft sehr zu“. Aber diese Kreuzchen sind dann dafür verantwortlich, ob meine Theorie stimmt oder nicht? Wäre denn das gleiche Ergebnis herausgekommen, wenn ich mich mit den Leuten unterhalten hätte, statt ihnen einen Fragebogen zuzuschicken?
Die Frage, ob das wirklich etwas bringt, konnte mir auch noch niemand zufriedenstellend beantworten.

Kann Psychologie wirtschaftlich sein? Und dabei qualitativ?

Nach meiner kleinen „Wozu“-Krise, kann ich inzwischen sagen: Ja! An jeder betriebs- oder auch volkswirtschaftlichen Entscheidung, an der Menschen beteiligt sind, findet Psychologie ihre Anwendung. Professionelle Gesprächsführung, (Kauf-) Entscheidungen, Werbung, Coaching, Weiterbildung, welcher Bewerber am besten ins Unternehmen passt, wie eine Marke beim Kunden ankommt und wie das funktioniert, … und so weiter. Natürlich sind Psychologen allein deswegen nicht zwingend bessere Coaches oder Entscheider, aber sie haben den klaren Vorteil, dass sie sich intensiv mit dem menschlichen Geist beschäftigt haben. Dieses theoretische Fundament kann durch ein Wirtschaftsstudium nicht vermittelt und auch nur begrenzt durch Erfahrung ausgeglichen werden. Ein Psychologe im Team liefert neue Blickwinkel und Impulse.

Liebe Unternehmen: Ihr braucht uns 😉

Und ja: Auch psychologische Forschung in der Wirtschaft kann qualitativ sein und das sollte sie auch. Interviews und Gruppendiskussionen können dabei nicht nur zur Datenerhebung dienen. Sie tragen auch zum Beispiel dazu bei, dass sich die Mitarbeiter auch als Individuen wahrgenommen und geschätzt fühlen und, dass auf deren Meinung wertgelegt wird.

Genauso ist quantitative Forschung ist ja auch nicht zu verteufeln. Den Menschen bei bestimmten Fragestellungen bewusst im Durchschnitt zu betrachten, stellt die Dinge auf einer anderen Ebene dar und liefert daher einen Überblick. Dem widerspricht sich meiner Meinung nach nicht, einzelne Sachverhalte im Anschluss individuell weiter zu untersuchen.

Also was ist Psychologie nun?

Natur-, Geistes-, oder Sozialwissenschaft? Alles davon! Sie ist die Wissenschaft von Erleben und Verhalten und hat dabei alle möglichen Forschungsmethoden zur Verfügung.

Eigentlich sollte man sich doch fragen, ob das überhaupt eine Rolle spielt. Denn Psychologie kann auf unterschiedlichste Arten sinnvoll sein und ob man sie nun eine Naturwissenschaft nennt oder nicht, sollte unerheblich sein.

 

Weitere Impulse zu dem Thema:

Die Psychologie aus der unbequemen Spagatposition zwischen Sozialwissenschaft, Philosophie und Naturwissenschaft in Richtung einer „echten“ Naturwissenschaft zu führen, legte die Grundlage für den notorischen Druck, entsprechend designte Studien durchzuführen und sich an Maßstäben messen zu lassen, die gar nicht zum Wesen der großen alten Kunst der Psychologie passen.

aus: „Studien-Schock: Ist Psychologie Humbug?“ – Huffington Post

„Wenn Psychologen ihr Studium aufnehmen, denken sie vor allem an Freud und Jung, an Therapie und Analyse […]. Erst nach und nach entdecken sie, dass es noch andere Wirkungsfelder gibt.“

aus: „Freuds Erben – Runter von der Couch“ – spiegel.de

Auf prosoziales Verhalten in Wirtschaft und Politik zu setzen gleicht […] keineswegs naiven Wunschvorstellungen, sondern folgt dem Stand der Wissenschaft und ist angesichts globaler Probleme wie dem Klimawandel, der Verteilungsungerechtigkeit und der Flüchtlingskatastrophe überlebenswichtig.

aus „Abschied vom Homo Oeconomicus“ – Zeit online