Unter introvertierten Personen stellt man sich oft Nerds vor, die keine Freunde haben, nicht auf Partys gehen, schüchtern, traurig und einsam sind und am liebsten den ganzen Tag ihre Wohnung nicht verlassen würden.
Extravertierte Personen sind freundlich, offen für Neues, haben viele Freunde, gehen gern aus, sind laut und lustig und haben überhaupt ein schöneres Leben.
Stimmt das?

Introversion und Extraversion sind zwei Pole auf einem Kontinuum. Jeder Mensch liegt irgendwo dazwischen, manche mehr auf der einen und manche eben mehr auf der anderen Seite.
Dieses Kontinuum beschreibt zunächst die Motivation zur Sinneserfahrung. Das bedeutet, dass Introvertierte eher eine Motivation zeigen, die nach innen orientiert ist, und dazu führt, dass sie konzentrierter und intensiver wahrnehmen, während Extravertierte nach außen orientiert wahrnehmen, kontaktfreudiger sind und breiter interessiert.

Es beschreibt zum Beispiel auch wie wir uns regenerieren, also unsere Energie tanken. Die Metapher, die Silvia Löhken in ihrem Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“ verwendet, finde ich sehr treffend: Extravertierte können regenerieren während sie unter Menschen sind. Sie agieren wie ein Windrad und ziehen Energie aus Bewegung. Introvertierte sind dazu lieber in Ruhe und alleine. Sie sind mit einem Akku zu vergleichen, der aufgeladen wird.

Wie funktioniert das in unserem Gehirn?

Dieses Gebiet hat zuerst der Psychoanalytiker C.G. Jung erforscht, er führte die Begriffe ein und charakterisierte Extravertierte als nach außen gewandte Menschen und Introvertierte als nach Innen gewandt. Das Konzept wurde allerdings von zahlreichen Persönlichkeitsforschern weiterentwickelt, wie zum Beispiel Eysenck, der diese Unterschiede auf unterschiedliche Erregbarkeit in dem Bereich des Gehirns, das für Aufmerksamkeitssteuerung zuständig ist, zurückführte.

So kam er zu dem Schluss, dass Extravertierte eine höhere Schwelle für retikuläre Aktivierung haben als Introvertierte, also eine höhere Reizschwelle in diesem Teil des Hirnstamms. Das bedeutet, sie brauchen mehr Reize um optimal stimuliert zu sein. Introvertierten hingegen reichen weniger Reize aus. Treffen zu viele Reize auf sie ein, kommt es zu einem Schutzmechanismus, der sogenannten „transmarginalen Hemmung“, die dazu führt, dass Introvertierte sich abschotten und weniger leistungsfähig sind.

Der aktuelle Forschungsstand in der differentialen Psychologie bezeichnet Introversion und Extraversion als einheitliche Dimension. Durch Persönlichkeitstest lässt sich ermitteln wo man als Person auf dem Kontinuum steht.

5 bekannteste Vorurteile und Mythen

1. Introvertierte sind schüchtern – Schüchterne Menschen sind introvertiert

Schüchternheit bezeichnet Angst und/ oder Unbehagen in Situationen, die soziale Interaktion erfordern.
Introversion beschreibt wie schon gesagt hauptsächlich, wie man Reize aus der Umwelt wahrnimmt und verarbeitet. Es bezeichnet auch die Art und Weise, wie wir regenerieren.

Ja, viele introvertierte Menschen sind schüchtern. In manchen Persönlichkeitstests wird Schüchternheit auch als Indikator für Introversion verwendet. Aber das hängt nicht zwingend zusammen. Bill Gates zum Beispiel würde man als eher introvertierte Person bezeichnen, die aber nicht schüchtern ist. Gleichzeitig gibt es viele Extravertierte, die schüchtern sind. Der Psychologe Philip Zimbardo nannte einige Hollywood Ikonen als Beispiel, die zwar in der gerne in der Öffentlichkeit sind, aber dennoch ein eher geringes Selbstbewusstsein haben und ängstlich sind bei sozialer Interaktion.

2. Introvertierte wollen immer alleine sein

Introvertierte können sehr gut alleine sein. Sie sind auch gerne ab und zu alleine ohne sich dabei einsam zu fühlen. Aber sie möchten eben nicht immer alleine sein. Ständig allzu vielen neuen Reizen ausgesetzt zu sein stresst sie allerdings deutlich mehr als Extravertierte und daher ziehen sie sich eher zurück. Sie genießen dennoch die Gesellschaft von ihnen vertrauten Menschen und sind nur nicht unbedingt gerne unter vielen fremden Menschen.

3. Introvertierte haben keine Freunde

Häufig fällt es Introvertierten schwerer, Smalltalk zu führen als Extravertierten. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Das muss allerdings nichts mit Schüchternheit oder damit zu tun haben, dass sie Menschen einfach nicht so gerne mögen. Sie finden einfach keinen Gefallen daran mit vielen Leuten oberflächliche Gespräche zu führen. Introvertierte versuchen eher sich einen kleinen Kreis an Freunden zuzulegen mit denen sie sich sehr gut verstehen, statt vieler Bekanntschaften.
Das heißt natürlich nicht im Umkehrschluss, dass Extravertierte keine engen Freunde haben. Aber sie haben meistens einen größeren Kreis an Bekannten und sie lernen Leute leichter und schneller auf einer oberflächlichen Basis kennen.

4. Introvertierte sind intellektueller als Extravertierte

Dass die stillen und in sich gekehrten Menschen die klügeren Gedanken haben, ist auch ein Vorurteil. Man unterstellt ihnen, dass sie intelligenter sind, reflektiver, unabhängiger, sensibler, …
Auch diese Eigenschaften hängen nicht unbedingt mit Introversion zusammen. Kluge Gedanken entstehen meistens in Momenten, in denen wir in uns gekehrt sind und nachdenken, das stimmt. Allerdings heißt das nicht im Umkehrschluss, dass immer wenn man ruhig ist und nachdenkt, ein kluger Gedanke dabei heraus kommt. Und dass extravertierte Personen keine ruhigen Momente haben, in denen sie nachdenken, stimmt natürlich auch nicht.

5. Introvertierte sind keine guten Führungskräfte oder Redner

Der Psychologe Timothy Jugde kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Personen, die extravertiert sind, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eine Führungskraft werden.
Das liegt unter anderem daran, dass viele Introvertierte nicht gerne im Mittelpunkt stehen und die mit der Verantwortung in Zusammenhang stehende Aufmerksamkeit vermeiden möchten. Daraus allerdings zu schließen, dass sie schlechtere Führungskräfte wären, ist falsch, denn eine introvertierte Führungskraft hat gegenüber einer extravertierten Person in einigen Bereichen die Überhand. Als Führungskräfte haben sie häufig ein ruhiges Selbstbewusstsein und einen guten Einblick in die Bedürfnisse der Mitarbeiter, da sie gut zuhören können. Sie sind meist sehr gut vorbereitet und handeln bedacht.
Natürlich gibt es auch Dinge, die introvertierten Führungskräften zu schaffen machen, wie zum Beispiel ein großes Netzwerk aufzubauen oder von anderen richtig wahrgenommen zu werden.

Warum Introvertierte im Social-Media Marketing zum Beispiel sehr gut aufgehoben sind, verrät euch dieser Blog-Artikel von tobesocial.

Nicht zu schüchterne Introvertierte sind häufig außerdem großartige Redner. Weil sie dazu neigen alles genau zu durchdenken und zu planen bevor sie etwas tun, halten sie sehr gute und durchdachte Vorträge. Sie wissen genau was sie sagen und gehen diesbezüglich keine Risiken ein.
Nur weil man weniger redet, bedeutet es nicht, dass man nichts zu sagen hat.

Introversion als Makel?

Introversion gilt in unserer Gesellschaft als „schlechter“ als Extraversion. Bei Vorstellungsgesprächen möchte man zum Beispiel nicht unbedingt introvertiert wirken. Dabei braucht die Welt sowohl Introvertierte als auch Extravertierte. Denn wie es so oft ist, profitieren wir auch hier von ihrer Gegensätzlichkeit.
Um die Autorin des Buchs „The Introvert’s Way: Living a Quiet Life in a Noisy World“, Sofia Dembling, zu zitieren: „Without both introverts and extraverts, things wouldn’t get done. We’ve got one person thinking it through and one person going out and slaying the dragon.“

Es ist also nicht unbedingt gut, möglichst extravertiert zu sein. Stattdessen sollte man das Konzept verstehen und im Zuge dessen die eigenen Stärken, sowie die der Mitarbeiter nutzen. Je besser man sich selbst und damit die eigenen Stärken und Schwächen einschätzen kann, desto angenehmer kann man sein Leben gestalten. Und je besser man auch die Bedürfnisse von anderen einschätzen oder verstehen kann, desto einfacher und angenehmer wird das Zusammenarbeiten und -leben.

Wenn ihr noch nicht genau wisst ob ihr eher extravertiert oder introvertiert seid: Hier geht’s zum Test.